

Gerüche sind immer und überall. Mit jedem Atemzug inhalieren wir olfaktorische Informationen. Die meisten davon unbewusst und dennoch höchst wirksam. Denn der Riechsinn ist direkt mit dem limbischen Gehirnsystem verschaltet, weckt unmittelbar Erinnerungen, Gefühle und Assoziationen. Zielgerichtet eingesetzt verwandeln sich Gerüche in ein subtiles Marketinginstrument, das für gute Luft am POS sorgt und die (Kauf)Stimmung hebt. Die inspirierende Atmosphäre ist sogar transportabel - via Prospekt, Flyer, Geschenkkarton, Mailing ...
Air Creative zählt zu den wenigen Spezialisten, die sowohl olfaktorische Botenstoff-Kreationen als auch technische Systeme zur Luftveredelung anbieten. André Niehues, Verkaufsleiter Deutschland, zur Entwicklung der nasalen Disziplin, unbewussten Nose Catchern und den Grenzen von CI-Düften.
msi: Über die Branche der Duft-Spezialisten ist noch relativ wenig bekannt, allerdings scheint das Thema seit einiger Zeit zu florieren. Entspricht das auch Ihren Beobachtungen?
Niehues: Unser Geschäft wächst besonders in den vergangenen zwei bis drei Jahren mit steigender Beschleunigung. Auch die Anzahl von Interviewanfragen und das Interesse von Studenten, z.B. im Rahmen von Diplomarbeiten und Promotionen, steigt deutlich an. An den Universitäten ist das Thema angekommen und im Lehrstoff aufgenommen. Es werden jedes Jahr mehr Projektarbeiten, teils in Zusammenarbeit mit Unternehmen, durchgeführt. Die nächste Generation hat das Thema also bereits auf dem Radar.
Wächst entsprechend auch der Anbietermarkt für Duftmarketing bzw. olfaktorisches Branding?
Ich denke ja. Aber wenn man sich eine zeitlang mit dem Thema beschäftigt hat, Air Creative ist bereits seit fast 20 Jahren am Markt, sieht man viele kommen und gehen. Auch viele, die große Erwartungen schüren, aber dann nicht wirklich realisieren, was zuvor im Konzept prognostiziert wurde. Der Umgang mit diesem Thema benötigt eine Menge Erfahrung und Forschungsarbeit.
Was bedeutet das für die Branchenstruktur: nur wenige, die unter professionellen Gesichtspunkten tatsächlich bestehen können?
Wenn man in einer Branche aktiv ist, bekommt man natürlich auch ein bisschen von der Arbeit der anderen mit. Es gibt kaum eine größere Organisation im Handel, die nicht schon mal Erfahrungen mit Anbietern aus diesem Bereich gemacht und sozusagen eine erste Runde absolviert hat. Scheinbar waren dabei die Ergebnisse am Ende nicht klar genug bzw. oft sogar negativ, sonst hätte man das Konzept sicher weiter getrieben. Oft hören wir von Problemen bei Mitarbeitern und Kunden, denn der Duft an sich stand im Vordergrund und nicht der ganzheitliche Ansatz zur Abstimmung des Raumluftambientes. Oder der Betrieb der Anlagen funktionierte nicht einwandfrei und machte am Ende eine durchgängige Arbeit unmöglich.
Die Arbeit mit Düften und den bereits vorhandenen Gerüchen, also der Luft als Ganzes ist nicht so einfach. Wir analysieren beispielsweise zunächst die vorhandene Luft-Situation sehr genau. Dann legen wir die Neutralisation für die vorhandenen olfaktorischen Störfaktoren fest und bestimmen im Anschluss die natürlichen Botenstoffkompositionen für die richtige emotionale Ansprache des Kunden. Das gelingt eigentlich nur Unternehmen mit viel Erfahrung auf diesem Gebiet, und am Ende ist dann für den Kunden natürlich auch das Monitoren der Ergebnisse sehr wichtig.
Außerdem gibt es nur wenige Anbieter, die von der konzeptionellen Unternehmens- und Markenanalyse über die Technik der Hardware bis hin zum Know-how im olfaktorischen Bereich alles aus einer Hand anbieten können. Die Parfümeure am Markt definieren sich z.B. nur über den Duft, den sie kreieren und nutzen in der Regel am Markt verfügbare, zugekaufte Technik für die Ausbringung auf der Fläche. Wir bearbeiten von der ersten Präsentation über die Analyse, Planung und Durchführung mit eigener Produktion und Technik bis hin zur Erfolgskontrolle alles aus einer Hand. Damit können wir natürlich konzeptionell ganz andere Wege gehen und Entwicklungen am Kundenbedarf orientieren.
Wie entwickelt sich das Interesse seitens der Unternehmen?
In den Unternehmen - wir beschäftigten uns unter anderem sehr viel mit Einzelhandelskonzepten - herrscht absolute Awareness für dieses Thema. Denn Visual Merchandising ist total ausgereizt - die Ladenkonzepte sind in vielen Punkten perfekt. Jetzt werden zusehends Neuromarketingansätze integriert. An erster Stelle denkt man leider oft immer noch zunächst an akustische Elemente, und dann erst folgt die Olfaktorik. Das liegt wohl daran, dass die Entscheider immer noch glauben, dass es um subjektiv entscheidbare Konzeptbestandteile geht. Das Verständnis für die neurologischen, unbewussten Prozesse ist noch nicht bei jedem angekommen. Allerdings kann man wohl sagen, dass bei der Planung neuer Konzepte mittlerweile immer auch über die olfaktorischen Möglichkeiten nachgedacht wird.
Duftmarketing versus olfaktorisches Branding
Schlüsselbegriffe in diesem Bereich sind Duftmarketing und olfaktorisches Branding. Was sind die Unterschiede, wo verläuft die Trennlinie, oder sind die Übergänge fließend?
Für mich besteht zwischen diesen beiden Ausrichtungen eine klare Trennung. Wobei nicht jeder, der sich Duftmarketer nennt, in diese Trennung hineinfällt. Den Begriff Duftmarketing kennt mittlerweile jeder. Olfaktorisches Neuromarketing ist noch nicht so bekannt. Wir setzen uns bereits seit 20 Jahren mit diesem Thema auseinander und wollen den Begriff zukünftig noch mehr prägen, denn er drückt konkreter aus, was unser Konzept eigentlich ausmacht.
Duftmarketing bezeichnet aus meiner Sicht „Duft-Events“. Ein einfaches Beispiel: Ein großer Automobilhersteller will seine neue Luxusklasse mit einem Mailing bewerben, die Verantwortlichen haben vielleicht einen brombeerfarbenen Umschlag ausgewählt, und jemand kommt auf die Idee, dass der Umschlag auch nach Brombeeren duften könnte; vielleicht fährt das Auto noch an einem Brombeerstrauch vorbei - dann passt alles perfekt. Den Weg kann man gehen.
In eine andere Richtung weist olfaktorisches Neuromarketing. Da stellt sich dann stattdessen die Frage: Welche Emotionen muss ich wecken, damit die Botschaften des Mailings auch wirklich beim Kunden ankommen und im Gedächtnis haften bleiben? Es gibt Gründe dafür, warum sich jemand ein Auto der Luxusklasse kauft - emotionale Gründe, die das Ego, Selbsterfüllung, aber auch ein Wertgefühl betreffen. Vor diesem Hintergrund reicht es nicht, den Umschlag nach Brombeeren riechen zu lassen. Sondern ich muss versuchen, über olfaktorische Botenstoffe eine bestimmte neurologische Situation anzusteuern, so dass beim Betrachten des Mailings der gewünschte emotionale Gesamteindruck entsteht und der Kunde sich für das Produkt interessiert.
Wie hat man sich diesen emotionalen Transfer ins Olfaktorische in der Praxis vorzustellen?
Natürliche Düfte können als Duft eingesetzt werden, oder aber ich setze sie entsprechend ihrer stimulativen Wirkungen als Botenstoff ein. Dazu brauche ich sie dann gar nicht mehr bewusst riechen und sollte sie auch gar nicht erst identifizieren können. Diese „Botenstoff-Kompositionen“ werden dann so zusammengestellt, dass sie genau den emotionalen Aspekten einer Marke entsprechen. Nehmen Sie z.B. eine Sportmarke mit den Attributen qualitativ hochwertig, jung, dynamisch - Blut, Schweiß, Tränen. Das hat viel mit Ego, auch Angriffslust zu tun - die farbliche Assoziation ist sehr Rot, z.B. Nike, und das kann ich natürlich auch über Düfte umsetzen. Die Korrespondenz zum Rotbereich im Riechen bilden vor allem aphrodisierende Düfte.
Dazu kommen weitere Aspekte. Wenn ich diese Sportmarke auch auf der Fläche, sprich im Verkauf am POS optimieren will, muss ich den Sportschuh zudem in seiner gegebenen Geruchs-Situation analysieren. Denn er riecht z.B. nach Gummi, dunstet Weichmacher, Kleber, Lösemittel aus ... Gerüche, die uns ein Gefühl von Unreinheit vermitteln, also müsste bei der Markenbotenstoff-Komposition auch ein Schuss Sauberkeit mit berücksichtigt werden. Das lässt sich über natürliche Botenstoffe im Unterbewusstsein gezielt vermitteln.
Allerdings geht es nicht darum, einen CI-Duft zusammenzustellen - im Sinne von, der Sportschuh riecht jetzt z.B. nach Pampelmuse und Apfel, sondern im Fokus steht die hervorzurufende Emotionalität. Zwar werden zur Zeit auch häufiger CI-Düfte für Marken erstellt, aber bei diesem Vorgehen muss man sich bewusst sein, dass der Duft am Ende polarisieren wird.
Was sich kaum vermeiden lässt, sofern man ins Bewusstsein vordringt. D.h. Sie empfehlen für Gerüche, unter der Wahrnehmungsschwelle zu bleiben?
Das Verrückte ist ja: Wenn wir an einen Markennamen wie Nike, adidas, Volvo, Skoda etc. denken, haben wir für den Bruchteil einer Sekunde - variierend in der Intensität - ein Bild vor Augen, das genau diese Emotion transportiert, die mit der Marke verknüpft wurde. Wie kommt das zustande? Es ist definitiv unbewusst passiert, ich kann es nicht rekonstruieren! Es hat damit zu tun, wie wir die Marke beim Kontakt, mit all ihren Attributen empfunden haben. Es geht also um persönliche Emotionen. Die Frage ist jetzt, wie ich diesen unbewussten Prozess zielgerichtet über olfaktorische Reize steuern kann und genau das ist olfaktorisches Neuromarketing. Bestimmte Berührungspunkte der Marke werden mit olfaktorischen Botschaften verbunden, ohne dass der Kunde merkt, dass er sie aufnimmt. Über Synästhesie-Effekte verändern sich dadurch auch die visuelle, die akustische und jegliche andere Wahrnehmung. Wird das Produkt im Endeffekt z.B. qualitativ hochwertiger empfunden als zuvor - dann habe ich die richtigen Verknüpfungen hergestellt.
Sie können olfaktorisch also emotional bewegen, ohne zu polarisieren, indem Sie unter der Wahrnehmungs- bzw. Identifikationsschwelle bleiben. Duftmarketing wird häufig so verstanden, dass man etwas riechen muss. Ich würde dagegen halten: Wenn ich in einem Autohaus nichts mehr rieche, kein Öl, keine Reifen oder sonstige Ausdunstungen, dann wurde ein super Job geleistet. Und dann beginnt die Arbeit...
So gesehen wirkt kein Sinn subtiler ...
... aber es geht nicht darum, Dinge vorzutäuschen oder möglichst irgendwie gut riechen zu lassen, sondern zu steuern, wie mein Produkt gesehen wird. Damit beschäftigen sich ja auch alle. Im Moment sind das vor allem Heerscharen von Visual Merchandisern, die sich gar nicht darüber im Klaren sind, dass sie ein Stück weit auch immer olfaktorische, akustische oder haptische Merchandiser sind. Im Grunde sollte man gar nicht mehr von Visual Merchandising reden, sondern von Multisensual Merchandising. Denn Sie können nicht in ein Geschäft gehen, ohne zu riechen, zu hören oder taktile Empfindungen zu haben.
D.h. ein großer Vorzug von Gerüchen, nämlich ihre Direktschaltung zu emotional aufgeladenen Erinnerungen, die im limbischen System gespeichert sind, ist gleichzeitig auch ein Stolperstein.
Das ist auf jeden Fall so und vor allem im Bereich bewusster Wahrnehmung. Bestimmte Düfte und Gerüchte sind bei jedem von uns mit bestimmten, ganz persönlichen Erinnerungen verknüpft und daher auch so kritisch zu sehen. Denn man hat ja gar keine Kontrolle darüber, was der Konsument mit einem speziellen Geruch oder Duft verbindet. Mir gefällt beispielsweise der Geruch von Autowerkstätten, weil mein Vater in einer gearbeitet hat und ich ihn als Kind sehr gerne dort besucht habe. Was ich als sehr positiv empfinde, ist für andere allerdings eher Gestank.
Der Riechsinn wird meistens falsch verstanden. Er beeinflusst unsere gesamten Wahrnehmungen. Das ist uns nur meistens nicht bewusst. Wir riechen immer, denn wir atmen immer. Atmen bedeutet riechen und damit wird klar, warum wir permanent über den Riechsinn beeinflusst sind. Vor allen Dingen wenn wir glauben, wir riechen nichts. Und genau hier liegt der interessante Aspekt, den man im olfaktorischen Marketing nutzen kann. Das bedeutet konkret, dass ich gar nicht ins Bewusstsein kommen darf. Denn dann laufe ich Gefahr, subjektiv negativ beurteilt und schlimmstenfalls sogar abgelehnt zu werden. Sofern ich bereits über andere Sinne, z.B. Jingles, polarisiere, warum sollte ich das verstärken?
Unlautere Verbrauchermanipulation?
Gerade die unbewusste Wirkung olfaktorischer Botschaften steht in der Kritik, im Sinne von unlauterer Verbrauchermanipulation. Wie stehen Sie dazu?
Als erstes muss ich noch mal daran erinnern: Wenn ich nichts mit der Luft mache, mache ich nicht nichts! Luft ist immer mit Gerüchen angereichert. Wenn ich also nichts mache, überlasse ich einfach nur einen wichtigen, sinnlichen Wahrnehmungsaspekt dem Zufall.
Außerdem möchte ich eine Gegenfrage stellen: Wollen Konsumenten tatsächlich in stinkende oder stickige Läden kommen, weil sie dann weniger kaufen? Ich glaube nicht. Also geht es um die Frage: Was möchte mein Kunde? Und vor allen Dingen: Was möchte ich für meinen Kunden? Und natürlich auch für meine Mitarbeiter. Meiner Meinung nach geht es darum, dass sich alle so wohl wie möglich fühlen. Und das ist das Ziel unserer Arbeit. Dass dadurch dann der Kunde bereit ist, mehr Geld auszugeben, ist ein schöner Nebeneffekt. Aber das liegt in der Natur der Sache und ist als „Win-Win“ Situation doch auch in Ordnung.
Verbraucherschützer fordern immer wieder, dass Geschäfte mit einem Etikett signalisieren sollten, wenn sie irgend etwas mit der Luft machen. Wir befürworten das. Aktuell sind wir sogar damit beschäftigt, unsere Systeme zertifizieren zu lassen. Wir können eindeutig aufzeigen, dass aufgrund der antiseptischen Wirkung, der von uns eingesetzten ätherischen Öle, Viren, Bakterien und Schimmelpilzsporen deutlich reduziert werden können.
Womit ich allerdings ein Problem hätte, wäre z.B. in der Obstabteilung Orangen mit Orangenduft zu beduften, damit sie, obwohl sie nicht schmecken, wenigstens gut riechen. Zudem haben wir bestimmte Richtlinien - z.B. beduften wir keine Spielhallen, nicht mal nur um Rauch aus der Luft zu filtern. Hier werden ja gerne die Anfänge des Duftmarketings verortet: die Beduftung von einarmigen Banditen in Las Vegas, mit der Folge, dass die Umsätze in die Höhe schnellten.
Abgesehen von Material-Beduftungen, die bereits in der Produktion, z.B. von Autos, vorgenommen werden, welche Einsatzbereiche umfasst Ihre olfaktorische Expertise?
Um es an einem konkreten Beispiel aufzuzeigen: Für den Schmuckanbieter Pandora beduften wir zur Zeit die Ladenlokale in einem Pilotprojekt, dazu sind dann auch Flyer und Geschenkboxen olfaktorisch aufbereitet. Wie zuvor ausgeführt nicht im wahrnehmbaren Bereich, aber die eingesetzten Botenstoffe kommen auf jeden Fall an, und zwar über den Einkauf hinaus. Wenn Sie oder der Beschenkte zu Hause die Geschenkbox öffnen, erleben Sie nochmals die gleiche emotionale Atmosphäre ...
Wie lange hält die Wirkung solcher Botenstoffe vor?
Sehr lange. Die Box wird mit Sicherheit auch noch in einem Jahr einen Großteil der Botenstoffe verströmen...
Ich habe Ihnen ein Gegenbeispiel mitgebracht - diesen Prospekt eines großen Lebensmittlers. Der Prospekt kommuniziert, „Wir lieben Lebensmittel“, aber man riecht Druckerschwärze. Das könnte auch anders sein. Was, wenn mir beim Betrachten dieses Prospektes wirklich „das Wasser im Mund“ zusammen laufen würde?
Kann man alle Printmaterialien beduften, beispielsweise auch Anzeigen?
Es kommt auf die Materialbeschaffenheit an. Wenn die Poren - wie z.B. bei Hochglanz - sehr geschlossen sind, wird es schwierig, mit natürlichen Duftstoffen, einzudringen.
Aber um das Einsatzspektrum noch mal aufzufächern: Wir praktizieren olfaktorische Unternehmensberatung, identifizieren erstmal neuralgische olfaktorische Punkte innerhalb eines Unternehmens, eines Konzeptes oder einer Marke. In den meisten Unternehmen ist nicht klar, dass es solche Punkte gibt.
Bei der von uns so genannten olfaktorischen Kundenanalyse stellen wir uns Fragen wie: Wo steht das Unternehmen, wo will es hin, was sind die Herausforderungen, wie entwickelt sich die Branche ...? Darüber hinaus betrachten wir den Geschäftsablauf, das Produkt, den Weg zum Produkt und insbesondere die olfaktorischen Punkte, an denen der Kunde vorbei muss. Dazu interessiert uns natürlich auch, wie die Räume aussehen, welche Werbestrategie eingesetzt wird und die Kernfrage: Wie kann ich das Ganze olfaktorisch umsetzen? Welche Botenstoffkompositionen müssen kreiert werden, um die emotionalen Vorgaben der Marketingstrategie umzusetzen?
Die nächsten Schritte sind, diese emotionalisierenden Botenstoffe auch in die Luft bzw. auf die Fläche zu bringen: in Showrooms, Geschäften, Schulungsräumen. Aber eben auch Materialien wie Prospekte, Flyer, Mailings oder kleine Kundengeschenke. Wir hatten gerade einen Termin bei einem führenden Reiseveranstalter. Dieses Unternehmen hat für seine Kunden ein Geschenkpäckchen parat, bestückt mit einer Schlafmaske, Ohrenstöpseln, einer aufblasbaren Nackenstütze, die furchtbar nach Gummi riecht. Das geht natürlich, auch ohne besonderen Fokus auf die tiefere Olfaktorik, gar nicht ... Und da wir gewohnheitsmäßig erstmal an allem riechen, fiel uns das sofort auf, aber bisher wurde es intern noch nicht einmal bemerkt.
Interessant, wie uns gerade die alltäglichen Dinge sinnlich entgleiten ...
Und es zeigt auch, wie weit wir uns von der Natur entfernt haben. Wir leben in einer Konservenbüchsengesellschaft: Wir müssen Lebensmittel gar nicht mehr bewerten - wir richten uns nach dem Verfallsdatum. Früher haben Menschen an jedem Lebensmittel gerochen, das tut heute kaum mehr jemand. Wir beachten den Riechsinn generell viel weniger. Das fällt uns auch bei Kundengesprächen immer wieder auf. Wenn man darauf hinweist, leuchtet es den Gesprächspartnern sofort ein, sie achten zukünftig mehr darauf und dann fällt ihnen plötzlich auf, wie es in den Supermärkten oft stinkt - nach Pappkartons, Fisch, Reinigungsmitteln, Pfandrückgabe ...
Unser Bewusstsein für den Riechsinn hat stark abgenommen, und das ist auch der Grund, warum der Geruchssinn im Marketing lange Zeit so unterbewertet wurde, aber eben ein hoch spannendes Feld bietet.
Gibt es Düfte, die jeder gerne riecht?
Ja, gibt es sicher, die Vorlieben sind allerdings auch stark kulturell geprägt. Beispielsweise verbinden viele Menschen mit Lavendel Omas Mottenschrank, selbst wenn sie den Geruch nicht unangenehm finden.
In Amerika z.B. wird Vanille ganz anders als in Europa wahrgenommen. In Deutschland mögen die meisten Menschen diesen Duft irgendwie. Eine antrainierte emotionale Verknüpfung, denn viele Babyprodukte haben diesen Benzoe- oder Vanillinduft.
Bei unseren Demonstrationen nutzen wir zum Schluss oft Orange, die einen sehr hohen Sympathiewert hat. Aber in all den Jahren habe ich auch schon den ein oder anderen erlebt, der diesen Duft überhaupt nicht mochte.
Was wäre ein sexy Duft?
Auf jeden Fall ein Duft, der zur Farbfrequenz Rot gehört wie Patschuli, Ylang - beide polarisieren übrigens dennoch – in jedem Fall sind es die erdigen, holzigen Düfte.
Aber schauen wir da mal auf andere Kulturen, beispielsweise reiben sich die Frauen der Massai mit Kuhdung ein, um für die Männer attraktiv zu sein. Und sind wir ehrlich, wollen wir wirklich wissen, woher unser viel verwendeter Moschusduft kommt? So weit sind wir da von den Massai nicht entfernt...
Wie duftet Abenteuer?
Würde ich ebenfalls der Farbe Rot zuordnen. Bei Abenteuern geht es um Dynamik, Liebe ist etwas sehr Dynamisches, auch Egozentrisches. Bei der Liebe steigt der Blutdruck - bei der Abenteuerlust genauso. Auch wenn ich die Kommunikationsbereitschaft fördern will, z.B. die Unterhaltungsbereitschaft in einem Café, würde ich unter anderem mit aphrodisierenden Düften arbeiten, allerdings auch Sicherheit und Sauberkeit vermitteln. Sobald ich aphrodisiert werde, stärkt sich mein Ego, und dann habe ich einfach mehr Mut, aus mir herauszugehen.
Wo liegen die harmonischen Duft-Frequenzen?
Ganz klar im blauen Bereich - bei einigen der blumigen Düfte, vor allem dem der Rose oder auch Geranium oder Lavendel mit seiner öffnenden Herznote ...
Vor diesem Hintergrund würde eine synchronisierte Farb-/Duftwelt vermutlich umso intensiver wirken?
Innerhalb unserer olfaktorischen Raumanalysen hat die Aufnahme der farblichen Aspekte einen sehr hohen Stellenwert. Die gegebene Atmosphäre muss bei der richtigen Abstimmung von natürlichen Botenstoffkompositionen berücksichtigt werden und dabei sind die Farben ein ganz wesentlicher Faktor! Ein Lavendel riecht in einer roten Atmosphäre ganz anders als in einer blauen - das können wir selbst dem Laien in kleinen Versuchen sehr leicht aufzeigen.
Welche Marke macht aus Ihrer Sicht gutes Duftmarketing bzw. olfaktorisches Marketing - welche weniger?
Im Textilbereich werden immer wieder Abercrombie & Fitch bzw. Hollister - mit ihrem polarisierenden Konzept, nicht nur im olfaktorischen, sondern in jeglichem Sinne - genannt. Sie haben ein Ladenkonzept mit einer „Barriere“ im Eingangsbereich, sehr wenig Licht, sehr lauter Musik und für mein Verständnis zuviel hauseigenem, synthetischen Duft. Derzeit hat dieses Konzept Erfolg, allerdings sehe ich es für die mittel- bis langfristige Markendefinition sehr, sehr kritisch.
Auch das Riechempfinden folgt bestimmten Moden. Was bei einer Generation absolut hipp war, ist bei der Nächsten schon total out. Und dann kippt das Ganze so massiv um. Die Marke ist mit diesen olfaktorischen Erlebnissen fest verwoben, und es ist schwierig, sie wieder davon lösen. Deswegen scheint mir dies auch ein gutes Beispiel dafür zu sein, wie gefährlich ein solches Konzept für eine Marke sein kann.
Im Fashionbereich arbeiten wir seit mehr als fünf Jahren bereits mit Levi`s zusammen und sind gerade dabei, die Konzepte weiter zu internationalisieren. Dabei werden wir uns auch weiter über die Möglichkeiten der transportablen olfaktorischen Botschaften unterhalten. Blackout in der Schweiz – ein Textilfilialist mit mittlerweile mehr als 80 Filialen – setzt mit uns schon seit Jahren ein solches Konzept erfolgreich um. Wenn der Kunde zuhause seinen Einkauf auspackt, warten in der Tüte schon die kaum wahrnehmbaren, olfaktorischen Botschaften darauf, ihm emotional ein wenig auf die Sprünge zu helfen.
Richtig hat es aber sicher auch Nivea gemacht, ich denke allerdings eher zufällig und am Ende auch mit Streuverlusten. Hinter dieser Marke steht eine lange Geschichte und eine bestimmte Qualität, die sich durchgesetzt hat. Nivea hat 100 Jahre gebraucht, und mittlerweile gibt es vielleicht niemanden mehr, der den Nivea-Duft nicht irgendwie kennt - aber es gibt immer noch Leute, die ihn nicht mögen.