07.11.2011, 21:03

Sensorische Deprivation

Das Eigenleben der Sinne

Unsere Sinne sind dauerwach. Selbst ohne äußere Reize bleiben sie aktiv. Ein Phänomen, das in meditativer Versenkung ebenso auftaucht wie bei psychischen Krankheiten, beispielsweise Schizophrenie, oder bei spirituellen Grenzerfahrungen wie Hellsehen. Das Potential für Visionen hat allerdings jeder Mensch – man muss ihn nur von der Außenwelt abschirmen, beispielsweise im so genannten Sensory Deprivation Tank, bereits 1956 von dem Mediziner John Lilly entwickelt.

Wie der Neuropsychologe Erich Kasten, Professor an der Georg-August-Universität Göttingen, in der Novemberausgabe von „Gehirn und Geist“ erläutert, scheint das Gehirn auf ständige Simulation angewiesen zu sein. Denn Nervenzellen, die nicht aktiviert werden, können absterben. Darum zünden sie auch einfach mal zwischendurch – ohne äußeren Anreiz: quasi als Funktionskontrolle. Die spontanen Entladungen sind allerdings schwach und gehen wie Kasten es ausdrückt „im allgemeinen Rauschen der neuronalen Kommunikation unter“.

Zudem kann ein aktives Neuronennetzwerk parallel laufende neuronale Prozesse mit hemmenden Botenstoffen wie Gamma-Aminobuttersäure unterdrücken. Plastisches Beispiel: Ein Kind lässt sich mit einem lustigen, tröstenden Lied von einem Wehwehchen ablenken und lacht bald wieder.

Aufgrund sensorischer Muster, die unser Gehirn für jedes uns bekannte Objekt bildet, verfügen wir über einen riesigen Fundus von Neuronengruppen, die auf bestimmte sinnliche Eindrücke spezialisiert sind. Sehen wir zum Beispiel einen Apfelkuchen, feuert entsprechend die dazu gebildete Neuronengruppe. Aber auch ohne die süße Verführung zu sehen, können wir sie vor unserem inneren Auge entstehen lassen – sie sehen, vielleicht sogar riechen, fühlen, schmecken ...

Was passiert, wenn wir komplett von der Außenwelt abgeschottet sind, zeigen die so genannten Isolationsexperimente. Schon beim Verbinden der Augen stellen sich nach kurzer Zeit Trugbilder ein. Gebettet in einen licht- und schalldichten Behälter mit Öl oder Salzwasser auf Körpertemperatur hebt man komplett ab – fühlt sich wie in einem Schwebezustand, verliert die Orientierung, die Grenzen zwischen dem eigenen Körper und seinem Umfeld verschwimmen. Nach kurzer Zeit füllt sich die Leere mit Bildern und Szenen, Düften und Gerüchen, Stimmen und Melodien ... laut diversen Studienergebnissen sehr klare, lebendige und intensive Halluzinationen bzw. „Erlebnisse“.

 

Tipp von Prof. Erich Kasten, um "die verborgene Innenwelt sichtbar zu machen": In ruhiger Umgebung entspannt hinlegen, die Augen schließen und versuchen, an nichts zu denken. Dabei auf die Innenlider konzentrieren. Wachbleiben vorausgesetzt, erscheinen bald visuelle Phänomene von Lichtblitzen bis hin zu ganzen Bilderreigen.

 

Nach aktuellen Erkenntnissen verdanken wir dieses entfesselte Feuerwerk der Neuronen den Spontanentladungen der Sinnesneuronen. Sind wir von der Außenwelt isoliert, ist ihre Stunde gekommen. Sie erobern den jetzt unbespielten Radar unseres Bewusstseins und nehmen uns mit auf eine Reise ins Unbewusste oder wie Kasten es formuliert, in „die irreale Welt in unserem Kopf“.

Zwar sind Studienteilnehmer von Isolationsexperimenten in Tanks meist sehr erleichtert, wenn die Zeit in der Dunkelkammer vorüber ist. Aber unter anderen Vorzeichen genutzt, entwickelte sich Floating im Deprivation Tank zugleich als Entspannungsmethode und Transfermöglichkeit in spirituelle Welten. Der Weg über die Meditation ist mittlerweile ebenfalls wissenschaftlich untersucht. Nach den Studienergebnissen fördert der Rückzug ins Innere unter anderem Wahrnehmung, Kreativität und Selbstheilungskräfte. So scheinen die Spontanentladungen der Sinnesneuronen auch einen regenerativen Aspekt zu haben.

Warum Hellseher manchmal ins Schwarze treffen, bleibt allerdings ein Rätsel, sofern der Proporz des zufällig Möglichen überschritten wird.

Quelle: http://www.gehirn-und-geist.de/artikel/1124557&_z=798884

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